Aufsätze und Materialien zu Medien & Gesellschaft

- zum internen Gebrauch in meinen Lehrveranstaltungen // www.medien-gesellschaft.de

zusammengestellt
von
Klaus Wolschner


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- Texte über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die menschliche Wirklichkeits-
Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“
ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel
oder beim Autor

3 AS neu 200

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus@wolschner.de

Impressum

Der neuronale Weltbezug

zusammengestellt u.a. nach
Matthias Uhl, Medien Gehirn Evolution
Kapitel 3

„Sehen ist nicht nur ein Vorgang passiver Wahrnehmung,
sondern ein intelligenter Prozess aktiver Konstruktion.“ Donald Hoffman

Wir erleben bewusst Qualitäten, die in dieser Weise nicht existieren. – (Philosophen reden gerne auch von Qualia)

Weder Geschmack noch Geruch sind stoffliche Eigenschaften. Vielmehr kommt es bei Kontakt mit diesen Stoffen zu Interpretationen des sensorisch-kognitiven Systems. Ins Bewusstsein gelangt nicht eine chemische Substanz, sondern ein mit dieser in regelhafter Weise verbundenes Repräsentat.

Menschen erleben Farben nicht, weil Objekte farbig sind. Zwar gehen normalerweise von einem Punkt Lichtsignale verschiedener Wellenlängen aus, es wird aber lediglich eine Farbe wahrgenommen. Im Zuge der Verarbeitung findet eine Verrechnung statt, die die zahlreichen unterschiedlichen physikalischen Wellenlängen zu einem Farb-Erleben mischt. Farben werden zudem durch den Kontext mitbestimmt. Schon Isaac Newton wusste: Es ist nicht das Licht, das farbig ist." Farben sind eine Konstruktion, mit der der unbewusste Teil unseres visuellen Systems die unterschiedlichen Wellenlängen der eintreffenden Licht-Stimuli für das bewusste Erleben aufbereitet. Farben sind eine Konstruktion des neuronalen Systems. Die Farb-Unterscheidung ermöglicht es uns, zwischen zwei strukturlosen Flächen gleicher Helligkeit zu unterscheiden.

Das physikalische Bild im Auge gleicht einer Menge von winzigen, getrennten Farbklecksen. Die Masse dieser Klekse lässt zahllose mögliche Interpretationen zu. Das Gehirn „erkennt“ darin Kurven und Flächen. Die Verarbeitung der Seh-Impulse verändern das Bild. Verschaltungen der Nervenzellen sorgen dafür, dass Kontraste selektiv verstärkt werden - ein Mechanismus, der Strukturen deutlicher hervortreten lässt und so die visuelle Differenzierungsleistung verbessert.
Einzelmerkmale des Bildes werden schließlich verarbeitet, Form und Farb-Eindruck zusammengesetzt und mit Gedächtnisinhalten abgeglichen, bis das Gesehene als Objekt, Gesichter
oder bewegte Szene „bewusst“ wird. Für die Verarbeitung der Sinnes-Impulse, die ins Gehirn dringen, gibt es angeborene Regeln (Donald D. Hoffmann, Visuelle Intelligenz)

Das menschliche Gehirn hat sich in den letzten 100.000 Jahren als Organ zur Handlungssteuerung entwickelt. Ca. 100 Milliarden Nervenzellen werden von eingehenden Nervenbahnen mit Signalen der Sinnesorgane versorgt und lenken über ausgehende Nervenbahnen die Aktivitäten des Organismus.  Aufgabe des Gehirns ist es, sensorischen Input in (motorischen) Output umzusetzen und für ein adäquates Verhalten zu sorgen. Aber nur ein kleiner Teil dessen, was in der Welt passiert und die Sinnesorgane erregen könnte, ist für die Lebensführung relevant.

Menschliches Welterleben ist im Sinne des Konstruktivismus eine interne Rekonstruktion der Umwelt. Die evolutionär entstandenen Verarbeitungsmechanismen des menschlichen Gehirns lassen seinem Besitzer keine freie Wahl in seinem sensorischen Welterleben.

Es besteht eine große Kluft zwischen den Dingen der Welt und ihrer Repräsentation in unserem Gehirn. Die kognitiven Fähigkeiten des Homo sapiens sind Ergebnisse eines evolutionären Entwicklungsprozesses. Die Sozial- und Kulturgeschichte der Menschheit in den letzten 6.000 Jahren hat keine neuen kognitiven Grundfähigkeiten hervorgebracht, die vorhandenen Grundfähigkeiten aber differenziert und verfeinert.

Was sieht man, wenn man in einem Kino sitzt? Niemand sieht ein großes, weißes, flaches Objekt (die Leinwand), das an verschiedenen Stellen mit Licht von verschiedener Farbe beleuchtet wird, wobei sich dieses Licht ständig verändert.

“Der erste Schritt zum Verständnis der Wahrnehmung verlangt von uns", sagt der Gehirnforscher Vilayanur Ramachandran, „die Vorstellung von Bildern im Gehirn aufzugeben."Wahrnehmung  ist nicht abbildend, sondern konstruktiv.  Diese Konstruktionen sind aber nicht willkürlich, sondern vollziehen sich nach Kriterien, die teils angeboren, teils frühkindlich erworben wurden oder auf späterer Erfahrung beruhen. Insbesondere sind sie nicht unserem subjektivem Willen unterworfen. Erst dies macht sie in aller Regel zu verlässlichen Konstrukten im Umgang mit der Umwelt. Während die sensorischen Inputs meist in einer spezifisch verarbeiteten Weise ihre Repräsentation im Bewusstsein haben, sind die Verarbeitungsprozesse – die „Konstruktionen“ nicht bewusst.
Wir erleben eine scheinbar unmittelbar zugängliche Welt.  

Der Wahrnehmungsvorgang ist ein aktiver Prozess, dessen Regeln tief in der Architektur des Gehirns verankert sind. In keinem der Sinne bringt der eingehende Reiz die Energie mit, die zur Weiterleitung und Verarbeitung notwendig ist.  Wolf Singer: „Die Art, wie wir die Welt sehen, ist determiniert durch die Struktur unserer Gehirne, die vermutlich auch anders hätte ausfallen können." Während unsere Sinnessysteme vieles ausblenden, was in der Außenwelt passiert, enthält umgekehrt unsere Wahrnehmungswelt nach sehr vieles, was keinerlei Entsprechung in der Außenwelt hat.

Experimente

a) Optische und akustische Täuschungen geben somit Auskunft über die Verarbeitungsregeln des Gehirns.
b) Schädigungen spezieller Bereiche des Gehirns erlauben Rückschlüsse auf die Verarbeitungsweise: Patienten mit winzigen Läsionen bieten Einblick in das hochkomplexe Konstruktions- und Repräsentationssystem. 
c) Unterschiedliche Wahrnehmungen eines identischen Vorgangs erlauben schließlich Hinweise auf Selektionsstrukturen der Wahrnehmung.

Test 1:

Ein schwarzer großer Ring hat in der Mitte einen weißen Fleck mit einem kleinen schwarzen Kreuz.  Wer das Kreuz fixiert, hat nach einiger Zeit ein Nachbild auf der Netzhaut. Wendet man den Blick von dieser Grafik ab und einer weißen Wand zu, dann nimmt man an dieser eine helle Scheibe wahr. Ursache für dieses Phänomen ist ein Ermüden der Zellen der Netzhaut, die für die Dauer der Blickfixierung den Ring abbildeten. In der Wahrnehmung wird dieser physiologische Erschöpfungszustand jedoch nicht als körpereigenes Ereignis klassifiziert, sondern so verarbeitet, als handele es sich um einen Umweltreiz. 

Test 2:         (nach Spitzer: Vorsicht Bildschirm! S. 233)
Die folgenden Fragen müssen schnell und laut beantwortet werden:

Welche Farbe hat Schnee 

Wer immer auf die letzte Frage mit Milch antwortet, demonstriert damit das Wirken des so genannten Bahnungseffektes. Alle Fragen bis auf die Letzte das neuronale Bedeutungsnetzwerk um die Farbe Weiß aktivieren. 

Test 3:

Gehirne sind Regel-Extraktionsmaschinen und schreiten vom Einzelfall zur Konstruktion übergreifend anwendbarer Urteilskriterien fort.

Wir haben Tausende von Tomaten gesehen – und können uns an keine einzelne Tomate erinnern, wissen aber genau, was „Tomate“ ist. Das Gehirn geht von einer Regelmäßigkeit des Umfeldes aus: Es neigt dazu, von Einzelereignissen zu abstrahieren und Wirkzusammenhänge zu verallgemeinern, um die Steuerung des Verhaltens zu vereinfachen.

Der den menschlichen Nervenzellen und damit dem Gehirn eingebaute Suchmechanismus nach Regelmäßigkeiten bezieht sich dabei auf alle Sinnesmodalitäten gleichermaßen. Jegliche Signale werden in einer universalistischen Manier behandelt.

Test 3:

Versuchpersonen benötigen 50 Millisekunden länger, um die Farbe eines Lichtreizes zu bestimmen als nur dessen bloßes Erscheinen festzustellen.  Es sind mehr Hirnareale in die Verarbeitung des Reizes einbezogen.

Test 4:

Auf die unbewusste Verarbeitung der rezipierten Reize verweist auch der Neckerwürfel.

 Necker-wuerfel

Der zu beobachtende, irritierende Effekt kommt zustande, weil das Gehirn eine für die Handlungsplanung leistungsfähige - also dreidimensionale - Repräsentation der Umwelt erzeugen will.  Dabei konkurrieren Neuronennetzwerke – das führt zum „Kippen" der Würfeldarstellung. Der Versuch zeigt, dass es sich bei einer Sinnesmodalität nicht um eine einfach vermittelte Wahrnehmung der Realität handelt.

Neckar_Wuerfel_2

 

Die neuronalen Verarbeitungsmechanismen sind darauf ausgelegt, Repräsentationen zu generieren, die einen für die Verhaltenssteuerung möglichst großen Nutzen erbringen. Das gilt auch für die emotionalen Aufbereitung von Umweltereignissen. Die neuronale Verarbeitung basiert dabei auf evolutionär erworbenen Charakteristiken von Sinnesorganen. Form und Raum erkennen wir zunächst durch den Tast-Sinn und lernen, diese Erfahrungen mit den visuellen Eindrücken zu verknüpfen. Normalerweise werden die dreidimensionalen Bilder konstruiert, indem die beiden unterschiedlichen Bilder vom rechten und linken Auge verrechnet werden.

elephant

Exkurs zum Sehnerv:

Unser Sehvermögen arbeitet normalerweise so rasch und sicher, so verlässlich und informativ und allem Anschein nach so mühelos, dass wir, ohne darüber nachzudenken, tatsächlich annehmen, es sei mühelos.
Das ist keineswegs der Fall. Kein anderes Sinnesorgan verfugt über ein Hirnareal gleicher Große. Die Bedeutung des Gesichtssinns wird daran deutlich, dass ein großer Teil der im hinteren Teil des Kopfes angesiedelten Großhirnrinde mit der Verarbeitung der von den Augen kommenden Nervenimpulse befasst ist.
Die Augen ist dabei kein homogenes Sensorium. In der rechten Gehirnhälfte wird verarbeitet, was in der linken Hälfte unseres Gesichtsfeldes geschieht, während die rechte Hälfte der Welt dementsprechend ihre neuronale Verarbeitung linksseitig erfährt. Damit verarbeitet in der Konsequenz jede Seite des Gehirns eine Hälfte unseres visuellen Weltbildes, wobei zwei Versionen in diese Verarbeitung eingehen - jeweils eine von jedem Auge. 
Wegen des aus dem Augapfel austretenden Sehnervs und der dort fehlenden Rezeptorzellen gibt es einen gänzlich blinden Fleck in der Wahrnehmung der Umwelt.
Würden wir überall so scharf sehen wie in der kleinen „Sehgrube“ (Fovea)“, würde von jedem Rezeptor in der Netzhaut eine Nervenfaser ins Gehirn ziehen, dann wäre der Sehnerv so dick, dass Augenbewegungen nicht mehr möglich wären. 
Darüber hinaus wird die Farbwahrnehmung zur Peripherie des Seefeldes hin immer schlechter und versagt unter schwachen Lichtbedingungen vollständig.
Die Folgen davon bemerkt der Mensch allerdings normalerweise nicht. Ursprünglicher Nutzen der Sensitivität für Licht war offenbar die Detektion von Bewegungen. Es gibt keine Tierspezies, die nicht ein System zur Analyse von Bewegungen entwickelt hätte.

Sehtest 1:    Kontrastverstärkung der visuellen Verarbeitung 

Sehtest Gitter Kopie

Die optische Wahrnehmung des Menschen ist also nicht auf ein akkurates Abbild der Umwelt hin angelegt (dann müssten beide Graus gleich aussehen), sondern auf eine im Normalfall möglichst nützliche Sicht (Strukturen unterscheiden zu können). 

Sehtest Kontraste Kopie

Sehtest 3

Kontrastverstärkung in der Retina, ist darauf ausgelegt die gegebenen Umweltinformationen zu optimieren, wie Bilder nichtexistenter geometrischer Figuren wie das folgende Dreieck zeigen.

Sehtest - Dreieck Kopie

Sehtest 4:

Um komplexere Szenen oder Gegenstände vollständig wahrzunehmen, muss das Auge Blicksprünge oder Blickbewegungen durchführen - bis zu fünf in einer Sekunde. Bei diesen sprunghaften Augenbewegungen bewegt sich das gesamte Abbild der Umwelt über die Netzhaut. Der gleiche Punkt einer statischen Szene wechselt somit beständig seine Position auf der Retina. Unser Bewusstsein füllt diese winzige zeitliche Lücke zwischen den stabilen Blicken aus, und zwar offenbar so, dass das bisher Gesehene in diese Lücke hinein verlängert wird. Umgekehrt wird, wenn wir uns über eine längere Zeit drehen und plötzlich innehalten, der Seh-Impuls weiter  mit der Drehung verrechnet – die Welt dreht sich weiter, uns wird schwindelig.

Test:  Farbe gegen Sprache

Eine Testaufgabe, die diese modulare Beschaffenheit in der Alltagswahrnehmung sichtbar macht. Das laute Lesen eines Wortes ist ein erlerntes sprachliches Interpretieren einer Abfolge bekannter Zeichen. Das Sehen von Farben ist dagegen ein scheinbar ursprüngliches Erlebnis, interpretationsbedürftig nur in Bezug auf Benennung und assoziierte Bedeutungen.

 

rot blau gelb lila

gelb blau rot

orange blau gelb

lila rot orange

 

Beim Versuch in zügiger Folge die Farben der Wörter zu benennen, stellen sich im Regelfall Fehler ein. Dies passiert, weil in diesem Fall zwei Module der visuellen Verarbeitung objektrelevante Ergebnisse produzieren. Es kommt so zum Konflikt zwischen dem für das Farbensehen zuständigen Areal und den Regionen, die für das sinnhafte Erfassen von Worten zuständig sind.

Gesichter erkennen Test: Thatcher-Illusion

Thatcher effekt

„Prosopagnosie“ nennt die Medizin die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen – „Gesichtsblindheit“. Das Gesichtserkennungsareal im Gehirn ist eine selektive, zusätzliche Verarbeitungskapazität für eine besonders relevante Objektklasse: Stammesgeschichtlich ist diese Verarbeitungskapazität die Voraussetzung für soziale Gemeinschaften. Die vergleichsweise geringen Unterschiede zwischen Gesichtern von Individuen erfordern ein Differenzierungspotential, das deutlich über die ansonsten benötigte Unterscheidungsfähigkeit für Objekte hinausgeht.

Thatcher effekt- gedreht2


Das auf dem Kopf stehende Gesicht wirkt bei normaler Orientierung auf die meisten Betrachter nicht ungewöhnlich. Dreht man jedoch die Seite um 180 Grad, so wird deutlich, dass es sich hier um eine grotesk verunstaltetes Abbild handelt. Diese monströs wirkende Veränderung wird jedoch nur wahrgenommen, wenn die Orientierung des Gesichts der Ausrichtung ähnelt, die Menschen im Alltag haben. Das auf dem Kopf stehende Gesicht lässt sich nicht in gleicher Weise vom Gesichtserkennungszentrum erfassen und wird nicht als deformiert empfunden.

http://j-walkblog.com/index.php?/weblog/posts/flipped_photo/

Thatcher-4fach     

Die besondere Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, wird schon bei neugeborenen Babys deutlich. Präsentiert man diesen gleichzeitig zwei Bilder, von denen das eine ein Gesicht zeigt und das andere die gleichen Komponenten in abstrakter Anordnung, so richten die Neugeborenen ihre Aufmerksamkeit signifikant mehr auf die Gesichter.  Das Gehirn des Menschen scheint  schon von Geburt aus darauf ausgelegt, sich bevorzugt der Objektklasse zuzuwenden, die für ein hochsoziales Wesen lebenslang als eine zentrale Informationsquelle fungiert.

Blindsicht

Die Nervensignale der Netzhaut erreichen das Gehirn auch dann, wenn sie nicht gewusst werden.

Phantomschmerzen
nennt die Medizin sind Schmerzempfindungen, die z.B. nach einer Amputation in dem nicht mehr vorhandenen Körperteil empfunden werden. Sie können vom Patienten sehr genau lokalisiert werden. Man geht davon aus, dass das eigene "Bild" vom Körper trotz Amputation weiter fortbesteht. Schwere Schmerzfälle werden durch Opiate (z.B. Morphin) behandelt. Bei einer Dauertherapie (kontinuierlich und dauerhaft auftretender Schmerz) erfolgt die Behandlung durch eine Kombination verschiedener Medikamente. Letztendlich gibt es bis heute keinen einheitlichen Therapieansatz zur Behandlung von Phantomschmerzen.

Auch Tast-Erfahrungen sind konstruiert - wird der somatosensible Kortex gereizt, haben wir in den betreffenden Körperregionen “Tast-Empfindungen”.

 

Auditive Verarbeitung

Mit Hilfe zweier Ohren die Schwingungen der Luft zu nutzen, um das Was, Wie und Wo von schallgenerierenden Vorgängen in der Umgebung des Organismus zu rekonstruieren, gleicht der Aufgabe, anhand der Wellen in zwei Ausläufern eines Sees das Geschehen auf dessen Oberfläche erfassen zu wollen. Das Ohr hat  keine Schwierigkeit, separate Töne, die der gleichen Quelle entstammen, auch als solche wahrzunehmen.

Ursprung jeden Hörerlebnisses sind 14.000 Rezeptorzellen im Innenohr – eine kleine Zahl verglichen mit den 120 Millionen Sinneszellen des Auges. 

Unser Gehirn berechnet zunächst die Position relativ zum Hörer - je größer der Zeitunterschied zwischen dem Impuls des rechten und des linken Ohres, desto weiter befindet sich die Ursache der Schallwellen rechts oder links des jeweiligen Hörers. Wichtigster Hinweis auf die Entfernung der Geräuschquelle ist der Anteil an hohen Frequenzen des eintreffenden Schalls: Je weiter der Ursprung des Stimulus entfernt ist, desto mehr tiefere Schallwellen erreichen das Ohr. Ursache hierfür ist die vergleichsweise bessere Leitfähigkeit der Luft für tiefe Frequenzen. Das Gehirn berechnet zudem, ob sich die Geräuschquelle im Raum bewegt. 

Schon dieser Beginn der auditiven Verarbeitung im Gehirnstamm verweist darauf, dass Hören – wie die visuelle Wahrnehmung — ein Ergebnis eines modularen Verarbeitungsprozesses ist. 
Stör- und Hintergrundgeräusche werden aus der weitergehenden Verarbeitung eliminiert. Je länger die Zellen mit dem gleichen Reiz stimuliert werden, desto weniger reagieren sie. In der Konsequenz bedeutet dies, das die Verarbeitung primär auf die Wahrnehmung neuer Reize ausgerichtet ist, während konstante  Signale als uninteressant ausgeblendet werden. Im Gehirn findet zudem eine räumliche Aufteilung nach Frequenzen statt – verschiedene Zellen sprechen jeweils selektiv auf Stimuli „ihrer“ bestimmten Tonhöhen an. Zur weiterführenden Analyse werden die aufbereiteten Nervensignale an den sekundären auditorischen Kortex weitergeleitet. Dort findet die Untersuchung der Beziehungen mehrerer Töne statt.

Verstehen

Es gibt eine Hirnregion, die auf die Analyse von Sprachlauten spezialisiert ist. Treten in diesem Bereich Läsionen (Unterbrechungen der Nervenbahnen) auf, werden Sprachlaute nicht mehr verstanden, obwohl die akustische Unterscheidungsfähigkeit in keiner Weise gestört ist — gleiche Ausfälle führen bei Affen zu Störungen beim Erkennen arttypischer Lautäußerungen.
Dass es sich bei der neuronalen Aufbereitung von akustischen Stimuli um ein hoch konstruktives Erschließen des Schalls handelt, lässt sich am Beispiel der kulturübergreifenden Oktavengleichheit in der Musik erklären. Oktavengleichheit bedeutet: Menschen empfinden zwei Töne unterschiedlicher Tonhöhe als gleichartig, wenn die Frequenz des Oberen ein Zwei- oder Vierfaches des Unteren ist. Dieser klanglichen Identität entsprechen keineswegs physikalische identische Ereignisse, der Eindruck entsteht als in der neuronalen Aufarbeitung der eintreffenden Reize. Die mathematische Beziehung der beteiligten Tonfrequenzen liegt auf einer vollkommen anderen Ebene als die Gleichheit im Erleben. (Emergenz)

Akustische Impulse werden Schritt für Schritt verarbeitet:  werden, wird Beteiligung verschiedener Verarbeitungsareale: Ein Klang muss nur eine tausendstel Sekunde zu hören sein, um wahrgenommen zu werden. Zwei aufeinander folgende Töne werden erkannt, sobald der Abstand zwischen diesen mehr als zwei Millisekunden beträgt. Die Tonhöhe wird erst ab einer Dauer von mindestens dreizehn Millisekunden wahrgenommen, während die Lautstärke fünfzig Millisekunden braucht, um ins Bewusstsein vorzudringen. Hundert Millisekunden oder mehr sind notwendig bis sich ein erster Eindruck der Klangfarbe bildet.

Test: Akustische Sinnestäuschungen  - Tonleiter-Täuschung

Es gibt diverse Experimente, die analysieren helfen, wie das Gehirn die von beiden Ohren einkommenden Laute analysiert. Es zeigt sich: Die mit der Verarbeitung auditiver Stimuli beschäftigten Gehirnareale sind auf die Suche nach sinnvoll erscheinenden Umweltinformationen, sie konstruieren einen „sinnvollen“ Klangeindruck.

Über Kopfhörer wird auf jedes Ohr eine andere Melodie vorgespielt:

TonleiterStimulus1

Dieses Muster entsteht dadurch, dass man gleichzeitig zwei Tonleitern abspielt, eine  aufsteigend, hier z.B. von c bis c´, die andere absteigend, hier von c´ nach c, jedoch jedes Mal linken und rechten Kanal vertauscht.

Die meisten Probanden nehmen nun aber zwei gänzlich andere – die „richtigen“ - Melodien war, nämlich auf einem Ohr eine Tonleiter von c´ hinunter nach f und wieder zurück nach c`, auf dem anderen Ohr die Tonleiter von c hinauf bis f und wieder zurück nach c.

TonleiterPerzeption

Melodien werden nicht Ton-für-Ton analysiert, das Gehirn sucht sich ein Gesamtbild zu machen. Die auditive Verarbeitung ist - gleich ihrem visuellen Pendant - in ihrer Rekonstruktion des Stimulusinputs nicht auf bloße Abbildung, sondern auf die Suche nach für den Organismus relevanten Informationen angelegt, was auch andere Beobachtungen deutlich machen. 

Deutlich wird die permanente Suche der auditiven Teile des Gehirns nach informationell bedeutsamen Ereignissen auch anhand des Phänomens, dass künstlich erzeugte Obertöne das Erleben eines nicht vorhandenen Grundtons zur Folge haben: Wenn Sinustöne der Frequenzen 820,1020 und 1220 Hz auf das Gehör treffen, interpretiert das Gehirn dieses Gemisch aus Frequenzen als einen Ton mit der Frequenz 204 Hz. Die tatsächlich gesendeten  Frequenzen sind der als vierte, fünfte und sechste Oberton (816, 1020 und 1224 Hz) des gehörten Tones. Wir hören also einen Ton von 204 Hz, obwohl unser Trommelfell gar nicht mit diese Frequenz schwingt. Wir machen uns den Grundton als beste „Erklärung" dessen, was am Trommelfell geschieht. 

Die Verarbeitungsmechanismen sind darauf ausgelegt, Ereignisse in der Umwelt des Organismus zu identifizieren und zu lokalisieren Wird ein zuvor gleich bleibender Ton plötzlich lauter, so wird dies nicht als Lautstärkenzunahme wahrgenommen, sondern als ein zweiter, zusätzlicher Ton. Wird die Lautstärke dagegen langsam erhöht, entsteht — wie zu erwarten — der Eindruck eines langsam lauter werdenden Tons. der graduelle Veränderungen als Kontinuitäten interpretiert, sprunghaft Stimulusentwicklungen als separate Ereignisse. Spielt man z. B. Versuchspersonen einen Ton vor, der von zeitweiligem Rauschen unterbrochen wird, so hören die Probanden den Ton auch in den Phasen bloßen Rauschens. 

Es gibt neuronale Schädigungen, die nicht das Hören an sich betreffen, sondern nur die emotionale Wahrnehmung von Sprache stören. Gesprochene Sprache vermittelt neben den Worten die Identität, das Alter, das Geschlecht und die Befindlichkeit eines Sprechers sowie den emotionalen Gehalt seiner Äußerung. Das Erkennen solcher para-linguistischen, nonverbalen Klangmerkmale der gesprochenen Sprache kann selektiv gestört sein

Bei Oliver Sacks findet sich eine sehr eindruckvolle Schilderung einer Patientin, die in dieser Weise blind für die Sprachmelodie geworden ist - ein Analysepotential, das vor allem in den Zentren der rechten Gehirnhälfte lokalisiert ist. Er schildert hier auch Patienten, denen selektiv die worterkennenden Verarbeitungsfähigkeiten der linken Gehirnhälfte fehlen. Die in ihrer Wahrnehmung eingeschränkten Menschen beziehen in der Folge ihr Verständnis von sprachlichen Äußerungen zur Gänze aus deren Melodie- und Klangcharakter. Eine Kompensation, die sehr leistungsfähig ist.

Wichtig ist, gerade im Zusammenhang mit dem medialen Einsatz von Tönen, Klängen und Geräuschen, dass vom Gehörsinn eine sehr intensive Verbindung zu den Emotionszentren des limbischen Systems besteht. „Die ,Fühlarbeit' (im Unterschied zur Denkarbeit des Auges) leistet im Film das Ohr." (Uhl)  Akustische Eindrücke wirken direkt auf den Gefühlszustand aus. Steven Pinker bezeichnet  Musik als „auditory cheesecake". Die richtige Musik aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn fast so schön wie eine Droge.

Was unterscheidet nicht-mediales und mediales Welterleben?

Dass Medien nur Realität „repräsentieren“, dürfte für das Gehirn, das aus Sinnesreize „Repräsentate“ konstruiert, kein großes Problem sein. „Repräsentationalität ist somit keine durch die Medien neu eingeführte Qualität in der menschlichen Wahrnehmung der Welt.“ (Uhl) 

Wenn das Gehirn gewohnt ist, aus Aktivierungsmustern von Rezeptorzellen der Netzhaut oder der Auslenkung der Hörsinneszellen auf ein Ereignis im Raum zu schließen, dürfte es ihm egal sein, ob die sinnlichen Impulse von einer Leinwand oder aus der dreidimensionalen Realität stammen. Der entscheidende Unterschied kommt erst dann ins Spiel, wenn aus den Repräsentaten im Gehirn Handlungsanweisungen entstehen sollen. Bis dahin gibt keinen prinzipiellen Unterschied in der Wahrnehmung und auch die neuesten Medien werden durch ein stammesgeschichtlich altes System im Gehirn verarbeit.

Medientest 1:

Gähnen ist nicht nur bei Menschen ansteckend, sondern auch bei Schimpansen. Dieser Effekt tritt auch auf, wenn isolierten Schimpansen-Individuum Videosequenzen von gähnenden Tieren vorgeführt werden.

Medientest 2:

Medien müssen, um wirklichkeitsanalog zu wirken, keine vollständige Repräsentation der Realität bieten. Insbesondere Kinder können vor Trickfilmen genauso „mitfiebern“, da die filmische Darstellung sich aufs wesentliche Konzentriert, sehen sie oft lieber Trickfilme. Erwachsene brauchen die komplexere bildliche Darstellung der Realität, um ihre inneren emotionalen Realitäten abgebildet zu sehen. 

Medientest 3 Pascal Boyer

Zwei unterschiedliche Farbpunkte auf einem Bildschirm rufen, solange sie sich nicht bewegen, keine weiterführenden Interpretationen hervor. Werden diese Punkte in Bewegung versetzt, so dass einer von ihnen sich unregelmäßig über die gegebene Fläche bewegt und der andere diesem irgendwie zu folgen scheint, haben die meisten Beobachter den Eindruck, dass der eine Punkt den anderen verfolgt. Die Art und Weise, wie zwei Lichtpunkte auf einem Bildschirm bewegt werden, vermittelt spontan das Gefühl, dass es sich um zwei sich intentional verhaltende Objekte handelt. Die Zuordnung zur Kategorie der intentionalen Objekte erfolgt großzügig - das fälschliche „Übersehen“ eines intentionalen Akteurs ist gefährlicher als die irrtümliche Zuschreibung von Intentionen gegenüber Dingen. Auch hier gilt: Erklärliche Vorgänge werden hingenommen, unerklärliche Vorgänge werden „intentional“ interpretiert. Uns reichen 11 Lichtpunkte, um einen “laufenden Menschen” zu sehen.

Medientest 4  - Experimente von Byron Reeves und Clifford Nass 

Menschen pflegen die Leistung eines Mitmenschen diesem gegenüber signifikant besser zu beurteilen als in „anonymen“ Stellungnahme gegenüber Dritten. In dem Experiment werden nun Menschen vor Computer Gesetz, die etwas „falsch“ machen. Erstaunlicherweise bewerteten die Menschen „ihren“ Computer deutlich besser als wenn sie an einem dritten Gerät die Bewertung eingeben sollten.
Dabei war das den Teilnehmern des Experiments in keiner Weise bewusst.  Die Menschen behandelten den Computer „wie einen Menschen“ ihres Sozialverbandes und wiesen Objekten in der Umwelt aufgrund ihrer Erscheinung und Dynamiken personale Qualitäten zu.

Test 3 - Wer hat Angst vor Virginia Woolf (Ami Klin)

Menschen können sich in sozialen Verbänden bewegen, weil sie jedes nonverbal ausgedrückte äußere Anzeichen nutzen, um auf innere Gemütszustände zu schließen. Eine Geste oder ein Gesichtsausdruck, also eine Bewegung von Körperregionen, wird als Ausdruck von Wollen, Fühlen und Befinden interpretiert. Wie wesentlich diese Konstruktionen sind, wird an Autisten deutlich, denen genau diese Fähigkeit fehlt, nicht verbalen kommunikative Signale zu interpretieren..
Ami Klin hat die Augenbewegungen von normalen Betrachtern mit denen eines Autisten beim Anschauen des Filmes „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ verglichen. „Normale“ Betrachter fixieren fast unausgesetzt für die Wahrnehmung die Gesichter der handelnden Person. Autisten lassen ihren Blick ohne einen erkennbaren Unterschied zwischen den Personen und den sie umgebenden Gegenständen über die Leinwand schweifen. Die intensive Betrachtung und Analyse der Gesichter stammt übrigens aus dem nichtmedialen Kontext.